Beispiel: Depression

„Lieber ich als du, Papa"
Siegfried (28 Jahre) fühlt sich seit seiner frühesten Kindheit depressiv. Als er zwölf Jahre alt war, wollte er sich das Leben nehmen. Siegfried ist das jüngste Kind von sechs, seine Mutter wollte ihn nicht mehr, alle anderen Kinder wurden von ihr geliebt. Sie erzählte ihm im Detail, was sie alles unternahm, um sein Leben zu verhindern. Siegfried spürte die Ablehnung der Mutter und fühlte sich als Last. Er lebte ein einsames Leben.
Die fehlende Liebe der Mutter bewirkte, dass er sich auch von Frauen ungeliebt fühlte. Er lebte vier Jahre in einer lieblosen Partnerschaft. Die Frau wiederholte, was er bei der Mutter erlebt hatte. Sie sagte häufig, dass sie ihn nicht brauche und er unnütz sei. Nach der Trennung wurden seine Depressionen noch intensiver. Er war lange im Krankenhaus und nicht mehr arbeitsfähig.
Wir forschen, welche Schicksale waren schwer? Siegfrieds Vater wurde als Kind von der Mutter weggegeben. Er hatte seine Eltern nie kennengelernt, er wirkte auf Siegfried immer depressiv.

Die Familienaufstellung in Kurzform: Die Stellvertreter werden verdeckt aufgestellt. Es werden Männer für die Aufstellung gewählt. Folgende Personen helfen mit: der Stellvertreter für die Mutter, der Stellvertreter für den Vater, beide Stellvertreter für die unbekannten Eltern des Vaters und ein Stellvertreter für Siegfried. Die Personen werden im Kreis aufgestellt, sie wissen nicht, welche Person sie vertreten. Indem sie nicht wissen, wer sie sind, werden sie aufgefordert, ihrem Gefühl zu folgen.
Nach kurzem Einfühlen geht der Vater von Siegfried aus dem Kreis hinaus. Er schaut aus dem Fenster, der Stellvertreter von Siegfried folgt ihm und sieht abwesend in dieselbe Richtung wie der Vater. Beide meinen, sie gehören nicht hierher. Der Stellvertreter der Mutter schaut in die andere Richtung und meint, die Personen hier interessieren sie nicht. Der Stellvertreter des unbekannten Vaters des Vaters möchte zu seinem Sohn gehen, aber er kann sich nicht bewegen. Der Stellvertreter der unbekannten Mutter setzt sich zu Boden. Er kann nicht mehr stehen, er fühlt sich sehr müde und möchte die Augen schließen.
Siegfried ist mit dem Schicksal seines Vaters verstrickt. Er trägt mit ihm seine Trauer und erfährt wie er, ein unerwünschtes Kind zu sein. Das Verlassen des Kreises ist ein Hinweis, dass die Personen nicht leben wollen. Siegfried steht, ohne es zu wissen, bei seinem Vater, er will für ihn gehen. Hier wirkt die Dynamik „Lieber ich als du". Das Kind (Siegfried) spürt, dass sein Vater nur schwer im Leben steht, und er will für ihn gehen. Anmerkung: Siegfried wollte sich schon als Kind das Leben nehmen, dies ist bereits ein Hinweis, dass ein Kind für jemanden gehen will.
Nun nehme ich Siegfried selbst in die Aufstellung hinein und fordere ihn auf zu spüren, zu wem es ihn zieht. Siegfried schaut lange zum Stellvertreter seiner Mutter. Auf meine Frage, was er fühle, wenn er da hinsieht, meinte er: „Ich fühle mich traurig, ich möchte, dass er herschaut." Der Stellvertreter der Mutter äußert sich wieder: „Mich interessiert hier niemand." Siegfried geht dann zum Stellvertreter der unbekannten Mutter seines Vaters, der noch immer die Augen geschlossen hat. Auch hier fühlt sich Siegfried traurig und leer. Ich frage Siegfried: „Wer braucht dich hier?" Er geht zu seinem eigenen Stellvertreter. Auf meine Frage, was er fühle, wenn er ihn sieht und ob er ihm etwas sagen möchte, meinte er: „Ja, ich möchte ihm sagen, dass er nicht so traurig sein soll."
Siegfried sagt dies zu seinem eigenen Stellvertreter, also indirekt zu sich selbst. Der Stellvertreter sagt darauf: „Hilf mir!" Ich öffne nun die Aufstellung, die Personen erfahren, wen sie vertreten. Auf meine Intervention sagt Siegfried zum Vater: „Papa, ich sehe deinen Schmerz und deine Einsamkeit, ich habe viel mit dir getragen. Ich bin dein Kind und nehme jetzt mein Leben an. Ich bleibe, Papa, auch wenn du gehst. Bitte schau freundlich, wenn ich jetzt in mein Leben gehe."
Siegfried geht zur Mutter und sagt: „Mama, du wolltest mich nicht. Es war schwer für dich, ein weiteres Leben zu geben. Mama, ich bin ein unschuldiges Kind und weil es so schwer war für dich, nehme ich jetzt mein Leben mit besonderer Freude." Der Stellvertreter der Mutter nickt freundlich und meint: „Es hat nichts mit dir zu tun." Er schaut zum Mann (Vater von Siegfried). Ich führe Siegfrieds Vater zu seiner eigenen Mutter, Siegfried steht daneben und hört zu. Der Vater sagt: „Mama, du hast mir das Leben gegeben, das Wichtigste habe ich von dir bekommen. Dann hast du mich weggegeben. Es war schwer für mich. Ich hatte Glück bei meinen Zieheltern und es ist gut weitergegangen. Mama, jetzt lasse ich dich ziehen." Zum Sohn sagt er: „Siegfried, für mich war es schwer ohne meine Mutter." Siegfried weint und umarmt seinen Vater. Er spürt erst jetzt, was er mit ihm getragen hat.

Zusammenfassung: Die Tatsache, dass Siegfried von der Mutter unerwünscht war, lastete schwer auf ihm. In so einem Fall fühlt sich das Kind oft schuldig, dass es lebt. Diese Schuld muss vom Kind genommen werden, indem es sagt: „Ich bin ein unschuldiges Kind und ich nehme mein Leben, auch wenn es für dich schwer war, jetzt mit Freude an." Die Mutter meinte aber: „Es hat nichts mit ihm zu tun" und schaute zum Vater. Sie zeigte sehr deutlich, in welchem Zusammenhang sie völlig unbewusst ihr Kind ablehnte. Die Mutter liebte alle anderen Kinder, nur Siegfried lehnte sie ab. Sie verurteilte die Mutter ihres Mannes dafür, dass diese ihr Kind weggegeben hat. Sie wurde – ohne es zu erkennen – in einer Weise der Mutter ihres Mannes ähnlich. Sie gab zwar ihr Kind nicht weg, sie entzog ihm aber die Liebe und erzählte ihm in einer ungewöhnlichen Härte, wie sie sein Leben, seine Existenz ablehnte. Sie spiegelte ihrem Mann ohne zu wissen, was sie tut, seinen unbewältigten Schmerz und zeigte dies im ablehnenden Verhalten zu ihrem Sohn Siegfried. Der Mann erlebt durch Siegfried noch einmal, was es bedeutet, abgelehnt, geduldet und ungeliebt zu sein. Siegfried fühlt wie sein Vater, auch wenn er bei seinen Eltern lebte, hatte er das Gefühl, unerwünscht zu sein. Dieses Gefühl begleitete seinen Vater sein ganzes Leben. Der Vater erzählte den Kindern oft, wie schwer es war. Er hatte liebevolle Zieheltern, aber dennoch fühlte er sich fremd und nur geduldet. Oft zeigen Menschen ein unbegreifliches Verhalten. Wenn jedoch das ganze Familiensystem betrachtet wird, findet man plötzlich eine Erklärung – so wie hier das Verhalten von Siegfrieds Mutter nun in einem anderen Licht erscheint. Wie frei war Siegfrieds Mutter in ihrem Verhalten?
Offensichtlich musste sie ihrem Mann auf diesem Weg die Erfahrungen seiner Kindheit spiegeln und wahrscheinlich gab es auch in ihrer Familie tiefere Hintergründe für ihr Verhalten.

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