Fallbeispiel einer Paaraufstellung: Andreas und Silvia

Andreas und Silvia kommen gemeinsam zur Beratung, denn sie möchten ihre Partnerschaftsprobleme durch eine gemeinsame Aufstellung erkennen und neue Verhaltensweisen für ihr gemeinsames Leben finden.
Silvia beschwert sich, dass Andreas kaum mit ihr redet, er vermeidet jeden Konflikt und isoliert sich. Er zeigt seine Liebe zu wenig und lässt kaum Nähe zu. Er ist eifersüchtig auf die Kinder.
„Wenn ich mich darüber beschwere, geht er mir erst recht aus dem Weg. Ich habe es satt, immer Liebe fordern zu müssen. Er war, bevor wir verheiratet waren und unsere beiden Kinder hatten, liebevoll und freundlich. Ich verstehe nicht, was passiert ist."
Andreas schildert: „Silvia hat früher nicht so viel kritisiert. Ich kann nichts mehr recht machen, alles ist zu wenig. Ganz gleich, was ich mache, es passt nicht, sogar wenn wir Sex haben, werde ich kritisiert. Sie steckt nur mit den Kindern zusammen, ich möchte schon lange mit ihr alleine einige Tage Urlaub verbringen, aber das ist nicht möglich. Streiten will ich nicht, deshalb ziehe ich mich zurück und schweige. Ich leide bereits länger unter starken Magenbeschwerden. Ich bin ein friedliebender Mensch und Silvia scheint Konflikte zu suchen. Wir denken immer öfter an Trennung, mich halten derzeit nur noch die Kinder."

Wie haben die Elternbeziehungen Andreas und Silvias Verhalten beeinflusst?

Silvias Vater hat – so wie jetzt ihr Mann – jeden Konflikt vermieden und kaum mit der Mutter gesprochen. Er lebte in seiner eigenen Welt, die Mutter beklagte sich stets über ihn, dass es eigentlich egal sei, ob er da wäre oder nicht. Obwohl Silvia mit dem Vater in der Familie zusammenlebte, hatte sie das Gefühl, ohne Vater aufzuwachsen, er war einfach nicht präsent. Sie erlebte nie eine Umarmung. Sie hatte großes Mitleid mit ihrer Mutter, denn sie war einsam in der Ehe und weinte oft. Silvia verurteilt noch heute den Vater für sein Verhalten, der mit 52 Jahren verstarb. Sie behauptet, ihn nie wirklich kennengelernt zu haben und deshalb vermisse sie ihn auch nicht. Silvias Vater ist ohne Vater groß geworden, er war ein uneheliches Kind und seinen Vater hat er nur zweimal gesehen. Auch er ist im gleichen Alter verstorben wie sein Sohn. Silvia hat sich vorgenommen, keinen Mann wie ihren Vater zu heiraten. Dieser Vorsatz (Ausgrenzung) führte Silvia jedoch in ein ähnliches Schicksal, wie es ihre Mutter erfahren hatte.

Andreas hingegen erlebte seine Eltern nur streitend. Es gab ständig Krach. Als Kind hat er sich oft gewünscht, die Eltern mögen sich trennen. Sein Vater war rechthaberisch und cholerisch, seine Mutter hat sich gewehrt. Bei seinen Großeltern, den Eltern seines Vaters, war es genau umgekehrt, die Großmutter war so rabiat, sie hat den Großvater sogar mit einem Messer attackiert. Für Andreas war klar, dass er nie mit einer Frau streiten werde. Seinen Vater hat er für seine unbeherrschte Art verurteilt, er kann bis heute nicht mit ihm sprechen. Dieser Vorsatz führt Andreas in die Konfliktvermeidung. Er hat Angst vor Streitigkeiten und erlebt nun dennoch einen ähnlichen Konflikt.

Silvia und Andreas stellen jeder für sich ihre Herkunftsfamilie auf

Silvia beginnt: Die Aufstellung wird wieder verdeckt durchgeführt, ich wähle für alle Stellvertreter Frauen. Es werden Stellvertreter für die Eltern von Silvia, für Silvia, für ihre Schwester Claudia sowie für die Großeltern, die Eltern ihrer Eltern, aufgestellt. Dann gibt es noch einen Stellvertreter für ihren Mann Andreas.
Die Aufstellung zeigte sehr rasch, dass sich Silvias Vater nach seinem Vater sehnte, er trug wahrscheinlich auch zu Lebzeiten eine Trauer. Ihr Vater stand bei seinem Vater und niemand sonst interessierte ihn. Beide, die Stellvertreterin für den Vater und für dessen Vater, den Großvater, standen außerhalb des Kreises.
Die Stellvertreterin von Andreas (Mann) stand alleine und meinte: „Ich kann zu niemandem gehen, ich habe auch das Gefühl für niemanden interessant zu sein." Die Mutter stand bei den beiden Töchtern, Silvia und Claudia. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wen die einzelnen Stellvertreter vertreten. Die Mutter schaut nur die Töchter an. Als sich die Stellvertreterin von Silvia für den außerhalb stehenden Vater und den Großvater zu interessieren beginnt, stellt sich die Mutter so vor sie, dass sie die beiden nicht sehen kann. Der Vater wird hier von der Mutter ausgegrenzt, die Mutter hat ihre Liebesdefizite durch ihre Kinder ersetzt, die Ausgrenzung der Väter wiederholt sich schon seit mehreren Generationen. Die Großeltern standen ebenfalls weit voneinander entfernt. Ich hole Silvia selbst in die Aufstellung und frage sie: „Wo zieht es dich hin?" Sie zeigt auf die Stellvertreter von Vater und Großvater und meint, dass diese sie traurig stimmten. Bei der Mutter und der Schwester wäre es besser. Dann hole ich Andreas selbst in die Aufstellung.
Er geht zu seiner eigenen Stellvertreterin und meint: „Hier gehöre ich nicht her, es interessiert sich niemand für mich." Die Aufstellung wird geöffnet. Ich spreche Silvia vor: „Mama, jetzt geht es mir mit meinem Mann so wie dir mit dem Papa." Zum Vater sagt sie: „Papa, heute sehe ich deine Trauer um deinen Vater, du hast ihn sehr vermisst und wir haben dich sehr vermisst." Silvia weint nach diesen Worten und will zum Vater gehen. Sie sagt zur Mutter: „Mama, für dich war es schwer, der Papa war sehr traurig und du warst einsam. Dein Schicksal hat mir Angst gemacht. Auch ich habe Angst, zu wenig Liebe zu bekommen, so wie du. Bitte schau freundlich zu mir, wenn ich meinem Mann nahe bin." Ich zeige ihr ihren Mann Andreas und frage sie, was sie fühle. Sie sagt: „Jetzt möchte ich zu ihm gehen."
Ich schlage Silvia folgende Worte zu Andreas vor: „Ich konnte dir nicht nahe sein und ich habe deine Liebe nicht gesehen, weil ich mit meiner Mutter das Schicksal getragen habe." Andreas nickt, er ist berührt von ihren Worten.

Die Aufstellung für Andreas: Es werden Stellvertreter für den Vater, für die Großeltern (die Eltern des Vaters), für die Mutter, für seine beiden Geschwister Robert und Angela sowie für ihn selbst aufgestellt. Dann nehme ich noch einen Stellvertreter für seine Frau Silvia.
Die Stellvertreter werden von Männern vertreten. Auch hier wird in den ersten fünf Minuten klar ersichtlich, welche Kräfte auf Andreas wirken. Der Stellvertreter von Andreas Vater baut sich vor dem Stellvertreter der Großmutter, der Mutter seines Vaters, auf. Er macht sich groß und meint: „Ich habe nur sie im Auge!" Der Stellvertreter des Großvaters, also des Vaters von Andreas Vater, stellt sich bzw. versteckt sich hinter seinem Sohn. Der Sohn (Vater von Andreas) schützt hier den Vater vor der rabiaten Mutter, der Großmutter von Andreas. Andreas steht mit seinem Bruder Robert in der Nähe des Großvaters, der Stellvertreter von Andreas sagt: „Ich habe Angst, dass etwas passiert bei denen." Er zeigt dabei auf seinen Vater und dessen Mutter (Großmutter). Andreas und sein Bruder möchten am liebsten wegschauen, aber sie äußern das Bedürfnis, auf ihn aufpassen zu müssen. Sie zeigen auf den Großvater. Die Mutter von Andreas steht in der Nähe ihres Mannes und sagt: „Ich kenne mich nicht aus, irgendwie habe ich das Gefühl, ich bin hier völlig falsch und für alle Luft." Der Stellvertreter von Silvia steht völlig alleine und fühlt sich wütend, weil ihn niemand beachtet. Auf die Frage, von wem er beachtet werden möchte, zeigt er auf den Stellvertreter von Andreas. Anmerkung: Bitte nicht zu vergessen, dass keiner der Stellvertreter zu diesem Zeitpunkt weiß, wen er vertritt!
Ich bitte Andreas selbst in die Aufstellung zu gehen und einen Platz zu finden. Er geht zuerst zum Stellvertreter seiner Frau Silvia und meint, hier sei es gut. Dann geht er wieder weg und kreist lange herum, bis er sich ebenfalls zum Großvater stellte. Auf meine Frage, was er hier fühlt, meint er, dass er das Gefühl habe, der dort (er zeigt auf seinen Großvater) brauche ihn. Ich frage seinen Vater, wie er sich fühlt, er antwortet: „Es ist eigenartig, einerseits fühle ich mich sehr stark, aber ich habe auch Angst vor ihm." Dabei zeigt er auf seine eigene Mutter (die „rabiate" Großmutter von Andreas). Wie geht es dem Großvater? Er sagt: „Ich will diese Person nicht sehen!" Er zeigt auch auf die Großmutter, auf seine Frau. Ich stelle seinen Sohn einen Schritt weg, sodass der Großvater seiner Frau gegenübersteht. Er sagt: „Das halte ich nicht aus, ich habe Herzklopfen und spüre einen Druck auf der Brust." Plötzlich äußert auch der Stellvertreter von Andreas, er fühle Herzklopfen und Unruhe. Wie fühlt sich die Großmutter? Ihr Stellvertreter sagt: „Ich bin traurig und gleichzeitig wütend über ihn!" Dabei zeigt er auf den Großvater.
Die Aufstellung wird geöffnet, die Stellvertreter erfahren erst jetzt, wen sie vertreten:
Ich spreche Andreas vor: „Opa, du hattest Angst vor der Oma." Der Stellvertreter des Großvaters nickt. Zu seinem Vater sagt er: „Papa, ich sehe deine Angst vor den Frauen, auch ich fürchte sie und ich sehe deine Angst um deinen Vater, Papa." Was fühlt Andreas, wenn er zu seiner Großmutter schaut? „Ich bekomme wieder Herzklopfen, ich kann ihr kaum in die Augen schauen und möchte ihr aus dem Weg gehen." Andreas ist verstrickt mit seinem Großvater, er spürt die selben Symptome, nämlich Herzklopfen wie er, der Großvater war laut Erzählungen sehr gutmütig gewesen. Er hat – so wie Andreas - jeden Konflikt vermieden. Die Großmutter ist die verachtete und gefürchtete Person in der Familie. Ich lasse Andreas zu seinen Großeltern sagen: „Ich achte euch, so wie ihr seid. Was zwischen euch war, geht mich nichts an, ich bin nur euer Enkel." Seine Großmutter lächelt ihn jetzt an. Er sagt, jetzt habe er keine Angst mehr vor ihr. Er spricht zur Großmutter: „Ich fürchte dich nicht, Oma." Andreas spürt jetzt Liebe zu ihr. Zu seinem Großvater sagt er: „Opa, die Frauen können gefährlich werden, wenn man sie nicht sieht." Der Großvater lächelt und nickt zustimmend. Der Vater von Andreas hat seine Ängste auf seine Frau übertragen, seine Angst zu schwach zu sein überspielte er, indem er besonders autoritär wurde. Er versteckte seine Angst hinter seinen Aggressionen. Schwach sein bedeutet hier: Die Frau wird gefährlich, sie könnte mir ans Leben trachten. Andreas sieht das cholerische Wesen seines Vaters aus einer neuen Sicht.
Dann sagt er auf meinen Vorschlag zu seinem Vater und zu seiner Mutter: „Für euch war es richtig, dass ihr gestritten habt. Bitte schaut freundlich, wenn ich mit meiner Frau noch einmal neu starte."
Er schaut zu Silvia und fragt: „Wie gefährlich bist du?" Sie lächeln sich an und gehen langsam aufeinander zu.
Abschließend wird die Gegenwartsfamilie von Silvia und Andreas aufgestellt.
Hier war zu sehen, dass Silvia die selbe Position einnahm wie ihre Mutter. Sie stand bei den Kindern, Andreas stand alleine wie früher ihr Vater. Beide waren in ihren Ursprungsfamilien verstrickt.
Silvia wollte nie einen Mann wie ihren Vater. Durch diese Ausgrenzung wiederholte sie das Leben ihrer Eltern. Andreas meidet durch die Verstrickung mit seinem Großvater jeden Konflikt und den Kontakt zur Frau. Er geht Silvia bei Konflikten genauso aus dem Weg wie einst sein Großvater seiner Frau aus dem Weg gegangen ist.
Ich frage Silvia und Andreas nach der Aufstellung, was sie an Erkenntnissen mitnehmen: Andreas meint: „Ich sehe meinen Vater völlig neu! Jetzt verstehe ich meine Frau. Ich weiß nun, wie es für sie ist, wenn sich der Mann zurückzieht, nicht spricht und am Familienleben nicht teilnimmt. Ich habe, ohne es zu wissen, genau das getan, was sie als Kind erlebte und fürchtet."
Anmerkung: Andreas war der Spiegel für Silvias ungeheilte Vaterthemen. Andreas fühlt sich sehr lebendig, voll Tatendrang, er möchte einmal in der Woche mit seiner Frau über alle Probleme reden. Er möchte ihr wieder nahe sein und er wünscht sich mehr Zweisamkeit als Paar. Er möchte Konflikte bereinigen, statt zu verdrängen. Ich mache Andreas aufmerksam, dass ein neues Verhalten genauso trainiert werden muss, wie ein Spitzensportler seinen Körper trainiert.
Silvia meint: „Ich habe erst jetzt erkannt, dass ich es selbst bin, die die erwünschte Nähe verhindert. Ich dachte immer, mein Mann will keine Nähe, aber es ist ja mein Verhalten. Ich bin wie meine Mutter geworden. Meine Kritiksucht trennt uns. Ich habe mich – so wie meine Mutter – nur auf die Kinder fixiert und sie gegen den Vater beeinflusst. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber.
Ich möchte es gutmachen, ich habe es nicht erkannt. Jetzt weiß ich, dass Andreas nicht aus mangelnder Liebe Gespräche vermieden hat, sondern aus Angst, dass etwas Schlimmes durch Streit passiert. Ich habe ein neues Verständnis für ihn. Ich möchte mich jetzt selbst zu einem neuen Verhalten erziehen. Ich erkenne auch, dass Andreas immer mehr in die Position meines Vaters kam. Jetzt möchte ich endlich wieder unsere Partnerschaft erleben. Mit meiner Kritik habe ich dieselbe Partnerschaft inszeniert, wie sie meine Eltern erlebten. Ich freue mich, dass ich heute so viel Liebe für meinen Vater empfinden konnte, es war ein großes Geschenk."

Die Paarbeziehung hat Vorrang vor der Elternbeziehung

Ich empfehle Andreas und Silvia das Seminar „Die Rollenspiele der Erwachsenen" zu besuchen. In diesem Seminar geht es darum, seine konditionierten Rollen zu durchschauen und sie zu transformieren. Ein großer Anteil, die Partnerschaft neu zu gestalten, besteht in einer neuen Kommunikation, indem man statt Vorwürfen und Angriffen klare Wünsche ausspricht. Die Ich-Botschaft soll die Du-Botschaft ersetzen.
So könnte Silvia zum Beispiel sagen: „Ich möchte dir nahe sein, " anstatt, „ Du bist nicht da für mich." Ein neues Verhalten zu lernen erfordert Achtsamkeit und Wissen. Verstrickt zu sein bedeutet auch, dass wir unbemerkt die Denk- und Verhaltensweisen einer Person übernehmen, welche dann wieder zu einem ähnlichen Schicksal führen.
Wenn nun ein Mensch über viele Jahre in seinem gewohnten Modus denkt, fühlt und handelt, dann gibt es in seinem Gehirn feste Muster, die immer wieder das gleiche Verhalten produzieren.
Die Verstrickung zu erkennen ist meist leichter möglich, als seine gewohnten Verhaltensweisen, die durch Verstrickungen entstanden sind, zu verändern. Dies ist nur durch Selbstbeobachtung, durch Geduld und Disziplin zu verändern.

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